Ist Climb with Bike das neue Bike & Hike? Ein kleines Abenteuer im rauen Fels des Rätikon.

Unter meinen Füßen bröseln Steine 30 Meter in die Tiefe. Ich stehe mitten in einer senkrechten Felswand. Einige Meter über mir sichert mich Tourenkollege Martin am Kletterseil. Doch etwas passt hier nicht zusammen: Ich bin doch auf Biketour!

Das Gewicht des Mountainbikes, das am Rucksack festgezurrt ist, zieht ganz ordentlich in die Tiefe. Zugegeben – es gab schon entspanntere Klettermomente in meinem Leben, aber mit etwas Gelassenheit funktioniert es wunderbar. Doch warum das Ganze? Das haben sich auch die Wanderer gefragt, als wir ein paar Minuten zuvor in die Felswand eingestiegen sind. Man hat den Herrschaften angesehen, dass die grauen Zellen beansprucht werden – große, imaginäre Fragezeichen stehen über ihren Köpfen. Wir hören so ziemlich alles: Von „Das wird der nächste Rettungseinsatz, den wir zahlen können“ über „Seid ihr verrückt?“ bis hin zu „Warum das Ganze?“.

„Weil wir das Schloss vergessen haben“ wäre da oft unsere neckische Antwort, oder „Das ist ein Kunstprojekt, die Mountainbikes werden ans Gipfelkreuz geschraubt“. Aber dieses Mal bleiben wir bei der Wahrheit: „Weil wir es können“. Und natürlich, weil uns diese riesige Felsplatte, zu der wir gerade aufsteigen, schon oft auf unseren Biketouren in der Umgebung angelächelt hat.

Eine perfekte, glatte Platte. Hunderte Meter groß, ziemlich geneigt – allerdings mitten in der Felswand eines rund 2800 Meter hohen Berges gelegen. Etwa 50 bis 250 Meter hohe Felswände säumen die Platte. Dennoch sollte man dort super biken können. Ohne Kletterei kommt man aber nicht hinauf. Über die Jahre reifte die Idee in unseren Köpfen: Wir werden auf dieser Felsplatte mountainbiken! Dank unseres Nachwuchsfahrers Martin stecken wir nun in der Umsetzung. Er bringt die nötige Klettererfahrung mit.

Das 60 Meter Seil reicht auf den Meter genau, um die gewaltige Felsplatte zu erklimmen. Ich hänge mich aus dem Seil aus. Wir sind oben! Die Stunde der Wahrheit ist gekommen!

Mit den Mountainbikes auf der Platte - Bikebergsteigen wörtlich genommen

Wird die Platte fahrbar sein? Ist sie zu steil? Ist sie eben genug? Reicht der Grip? Trauen wir uns überhaupt? Vieles lässt sich im Voraus planen, recherchieren und vorbereiten. Was letztendlich aber geht, entscheidet der Berg, das Können des Bikers und sein Mut. War der Aufwand für die Katz‘?

Der erste Eindruck ist gut: Glatt wie ein Babypopo liegt das Prachtstück vor unseren Füßen. Die Platte ist lediglich durchzogen von kleinen Wasserrinnen, die sich über die Jahrtausende gebildet haben. Doch das Gefälle hinterlässt Eindruck bei uns. Der Blick über die Platte zieht uns förmlich in die Tiefe. Die Kante ins Nichts verstärkt diesen Effekt noch. Jetzt nichts überstürzen – wir machen Mittagsjause. Still sitzen geht aber nicht. Martin, Joe und ich spazieren über die Platte und inspizieren vor allem die Kante am unteren Ende. Die Messung der Hangneigung zeigt, dass die Platte ein Gefälle zwischen etwa 29 und 35 Grad hat. Das ist aus unserer Erfahrung heraus fahrbar. Also ab auf’s Bike!

Die ersten Meter fahren wir wie auf rohen Eiern – trotz Erfahrung ist das Vertrauen in den Grip zunächst gering. Doch die Reifen kleben förmlich auf der Platte. Das gibt Sicherheit. Und Sicherheit bringt Spaß! Die Platte ist so glatt, dass wir etliche Meter im Nosewheely rollen können. Da macht sich gleich ein Grinsen im Gesicht breit. Wir rollen die komplette Platte ab – aber vor der Kante stoppen wir mit deutlichem Sicherheitsabstand. Zu weit fahren endet nämlich im sicheren Tod.

Der Aufstieg zurück zum oberen Ende der Platte bringt uns ziemlich ins Schnaufen – die rund 30 Grad Steigung machen sich bemerkbar. Das hält uns aber nicht davon ab, zwei weitere Abfahrten zu machen. Wie viel Spaß doch eine einfache, geneigte Felsplatte bieten kann! Und wie surreal dieses Erlebnis ist: Wir fahren mit den Bikes auf einer hunderte Meter großen, arschglatten Felsplatte mitten in einer Felswand!

Leider verschlechtert sich das Wetter: Dunkle, tief hängende Wolken ziehen herein. Ein letztes Mal genießen wir den unglaublichen Tiefblick über die Platte, bevor wir in der Suppe hängen. Jetzt heißt es Abschied nehmen. Wir kraxeln zurück zum Kletterabstieg am oberen Eck der Felsplatte. Als wir uns in das Seil einhängen, setzen fast auf die Sekunde genau Regnen und Hagel ein. Was soll das denn? Auf eine Kletterpartie im Nassen mit Bike auf dem Buckel sind wir weniger scharf. Aber es hilft alles nix: Wir müssen runter. Wirklich wohl ist mir bei der Nässe nicht, aber langsam und behutsam klappt der Abstieg problemlos. Zum Glück hört auch der Hagel rasch wieder auf.

Pünktlich, als der letzte Mann aus der Wand steigt, hört auch der Regen auf – wie könnte es anders sein. Vor uns liegen jetzt rund 900 Höhenmeter feinster, knackiger Trail. Wir rollen über Stufen, versetzen das Hinterrad um enge Spitzkehren und wurschteln uns durch kniffelige Passagen hindurch. Aber irgendetwas stimmt nicht, ist nicht wie gewohnt: Das Gewicht der Kletterseile in den Rucksäcken wirkt wie eine Schwungmasse und verfälscht die sonst so gewohnten Bewegungsabläufe. Eine völlig neue, unbekannte Herausforderung! Mit breitem Grinsen kommen wir schließlich im Tal an und lassen das Erlebnis bei einem Apfelstrudel und gutem Kaffee erst mal sacken. Eine Tour, die wir so schnell nicht vergessen werden!

In einem Interview antwortete Reinhold Messer einst auf die Frage, warum wir auf Berge steigen: „Weil sie da sind“. Wer sich nun fragt, warum wir mit Bikes eine Felswand hochklettern, um oben auf einer Platte Fahrrad zu fahren, dem möchte ich antworten: Weil sie da ist. Und weil wir es können. Denn Biken ist, was du draus machst. In diesem Sinne: Sei kreativ und freu dich auf das Video von unserer Bike & Climb Aktion, das wir in den nächsten Tagen hier veröffentlichen werden. Wir jedenfalls haben (Fels)Platten lieben gelernt und weitere Projekte entdeckt. Und zwar im XXL-Format. Sei also gespannt!

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